Sufjan Stevens schreibt keine Lieder — er baut Räume. Manche Räume sind klein und hölzern, von einem einzigen Banjo beleuchtet. Andere öffnen sich in ganze Chöre hinein. Was über alle Räume hinweg konstant bleibt, ist nicht die Instrumentierung — sie kann zwischen Carrie & Lowell und The Ascension radikal wechseln — sondern die Qualität des Lichts darin.
Diese Qualität “spirituell” zu nennen, ist die einfachste Abkürzung, und sie ist nicht falsch, aber sie reicht nicht ganz. Was Stevens tut, ist präziser: er macht Musik, die sich wie Erinnerung verhält. Die Arrangements sitzen nie fest in der Gegenwart. Sie ziehen aus der Ferne herein, kommen fast an, treten dann wieder leicht zurück — und hinterlassen eine Spur statt einer Aussage.
Warum Erinnerung und nicht Erzählung
Die meiste Popmusik erzählt eine Geschichte. Stevens’ Musik tut etwas, das eher Inszenierung ist — sie stellt die Hörerin an die Schwelle einer Szene, die schon im Gange ist. Man hört zufällig hinein. Man vervollständigt sie.
Deshalb belohnen seine Platten langsames Hören so unverhältnismäßig stark. Beim ersten Durchgang können sie dekorativ wirken; beim fünften haben sie etwas in einem umsortiert.
Ein modernes Gesangbuch
Es ist kein Zufall, dass so viele Hörer seine Arbeit “sakral” nennen, auch wenn sie explizit weltlich ist. Die Formen sind alt: Hymne, Klage, Prozession, Wiegenlied. Das Vokabular ist zeitgenössisch. Die Kombination ergibt etwas Seltenes — moderne Andachtsmusik für Menschen, die sich selbst nie als andächtig bezeichnen würden.